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Flensburg zukunftsfähig mit p2g, Vortrag Ulrich Jochimsen, 10.10.2012.

„Der unverzügliche Wechsel zu Erneuerbaren Energien ist keine Last, sondern die größte greifbare soziale und wirtschaftliche Zukunftschance."

Dr. Hermann Scheer (1944 - 2010), Ehrenpräsident EUROSOLAR e.V., Träger des Alternativen Nobelpreises


Warum engagiere ich mich für dezentrale erneuerbare Energie?

Ein Drittel aller Pflanzen- und Tierarten sind während meiner Lebenszeit schon ausgestorben. Betrachten wir es realistisch: Die Toten bleiben tot, und die nächsten Generationen können sich nicht zu Wort melden. Damit tragen wir Lebende die Verantwortung für die Zukunft!

Die sogenannte "Liberalisierung der Energiemärkte" ist ein groß angelegter Schwindel. Die Konzerne setzten sie in die Welt, um uns zu verwirren. Die geltenden Gesetze beschützen die alten Strukturen des Zentralismus und Kapitalismus des 19. Jahrhunderts.

Geldleute sprechen von der Finanzwirtschaft, Energieversorger von der Elektrizitätswirtschaft, Atombefürworter von der Atomwirtschaft. Ich spreche von einer Wirtschaftsweise, in der die lebendige Natur den ersten Platz einnimmt: von der Naturwirtschaft.

Im überkommenden Weltbild sind Mensch und Natur ohne Beziehung zueinander. Es gibt keine Wechselwirkung zwischen Leben, Zeit und Energie, sondern vollständige Trennung zwischen Beobachter und Beobachtetem. Daraus erwächst der folgenschwere Irrtum: Je schneller der Mensch die Natur nutzt, desto größer der Fortschritt, "umso mehr Zeit wird gespart". Dieses Weltbild müssen wir ablegen und durch ein neues ersetzen. Anstatt uns mit Klimagasen und Giften zu beschäftigen müssen wir unsere Überlebensbasis durch lokale Kreisläufe nachhaltig sichern.

Hierbei hat Flensburg eine besondere Aufgabe in der Energiepolitik zu erfüllen. Denn bei uns kann die dezentrale Onshore-Windenergie besonders umfangreich und günstig produziert und über einen großen Konverter in den Süden transportiert werden.

Wind und Sonne richten sich nicht nach unserem Strom- und Wärmebedarf. Bei hohem Wind- und Sonnenstrom-Aufkommen kann das Stromnetz nicht alle Energie aufnehmen. Große Mengen wertvoller Ökoenergie bleiben ungenutzt. Je höher der Anteil erneuerbarer Energien in Deutschland, desto größer wird die Herausforderung, die schwankende Stromerzeugung in Einklang mit unserem Verbrauch zu bringen.

Die Lösung für diese Herausforderung ist power to gas!

Power to Gas ist der entscheidende Baustein für ein dezentrales Energie-system mit 100 % erneuerbarer Energie. Für das strukturgeschwächte Flensburg ist Power to Gas die große Chance!

So funktioniert power to gas Video

Überschüssiger Strom wird umgewandelt in reinen Wasserstoff und reinen Sauerstoff. Der Wasserstoff wird ins Gasnetz eingespeist. Die Schlüsselkomponenten von power to gas sind Elektrolyseure (Anlage 1). Mit power to gas wird das Stromnetz bei der Einspeisung schwankender Mengen an Wind- und Sonnenenergie stabilisiert. Das vorhandene Gasnetz mit seiner immensen Kapazität dient als Langzeitspeicher für erneuerbare Energien (Anlage 2). Das Gas- und das Elektrizitätsnetz verbinden sich so zu einer integrierten Gesamtlösung (Anlage 3 + 4). So ist die Versorgungssicherheit beim Umstieg auf 100% erneuerbare Energien gewährleistet. Atom und Kohle werden durch Wind und Sonne vollständig ersetzt. Gas wird erneuerbar. Power to gas kann langfristig die Importe von fossilem Erdgas ersetzen. Devisen werden gespart.


POWER TO GAS

die große Chance für das strukturgeschwächte Flensburg

Der Windstrom aus Nordfriesland wird nicht mehr abgestellt, sondern über eine neue Leitung nach Flensburg transportiert. Mit Hilfe der Kreditanstalt für Wiederaufbau (kfw-Bankengruppe) wird das strukturgeschwächte Flensburg wieder aufgebaut. Die Zinsen zum Aufbau der Infrastruktur der Städte liegen bei 1 % !

Power to gas wird zum Bestandteil der kommunalen Versorgung (Anlage 5). Der produzierte Wasserstoff wird über die Ferngasleitung verkauft bzw. für unsere neue Gas-KWK verwendet. Die anfallende Niedertemperatur-Abwärme wird ins Fernwärme-Netz (großer Lagertank) eingespeist und senkt den Kohle- bzw. Gasbedarf. Die Hochtemperatur-Abwärme sollte qualifiziert genutzt werden, z.B. zur Kälteerzeugung. Der bei der Elektrolyse entstehende Sauerstoff kann für die Kläranlage genutzt werden und spart Strom. Bei Nutzung der gesamten Abwärme - wie in Flensburg möglich - wird ein sehr hoher Wirkungsgrad erzielt.

Das Projekt power to gas hat große Chancen auf Weiterentwicklung, auch überregional, wenn wir es verbinden mit unserer Fachhochschule und der Universität.

Neue Industrie für Flensburg auf Gas-Basis (Anlage 6)
Wasserstoff ist ein universeller Energieträger. Er eignet sich zum einen als Chemierohstoff, zum anderen als Treibstoff. Ideal ist er für Linienbusse, insbesondere in einer Stadt wie Flensburg, wo es ständig bergauf - bergab geht: beim Bremsen wird Strom erzeugt, der in Akkus gespeichert und wieder zum Anfahren verwendet wird. Die Bremsen werden nicht mehr heiß und verschleißen nicht. Die Feinstaubbelastung nimmt ab. Der innerstädtische, mit Wasserstoff betriebene Linienbusverkehr benötigt eine minimale Infrastruktur von nur einer Tankstelle.

Die Berliner und die Hamburger haben den Vorteil des Wasserstoffantriebs begriffen. Derzeit werden dort auf Innenstadtlinien täglich 14 bzw. vier Busse mit Brennstoffzellen eingesetzt; weitere sind bestellt. Berlin bezieht den Wasserstoff über den Mineralölkonzern Total aus einem power to gas-Projekt in Brandenburg. Zwei Busse fahren in Karlsruhe, drei in Mailand und jeweils fünf im schweizerischen Brugg und in Bozen. Dort ist man sich der Rolle als Sprungbrett in den Süden bewusst und errichtet derzeit eine Elektrolysestation mit einem täglichen Produktionsvolumen von 400 Kilogramm Wasserstoff. Die Anlage soll Stationen entlang der angedachten Wasserstoff-Autobahn München-Verona versorgen, die in Innsbruck auch eine Abzweigung Richtung Ulm-Stuttgart bekommen könnte.

Wasserstoff zu teuer?
Zweifler sagen, die Herstellung von Wasserstoff sei zu kostenaufwändig. Kenner entgegnen, dass Wasserstoffgewinnungsanlagen zu beliebigen Zeiten arbeiten und so kostengünstig elektrische Überschussenergie nutzen können. Die Stromerzeugung in Deutschland ist bekanntlich auf Spitzenlast ausgelegt. Es gibt Stunden, in denen eine enorme Energiemenge übrig ist und an Nachbarländer fast verschenkt werden muss, weil es keine ausreichend großen Speicher gibt. Experten haben errechnet, dass man mit dieser Energiemenge einen großen Teil des deutschen Pkw-Bestands mit Wasserstoff versorgen könnte.

Die Automobilhersteller sitzen in den Startlöchern, Brennstoffzellenautos zu bauen, wenn deren Betankung gesichert ist. Die Interessengemeinschaft Clean Energy Partnership (CEP) kündigt für 2014 den Serienbau eines Brennstoffzellenfahrzeugs an.

Flensburg oder Padborg?
Wenn der Widerstand gegen die Umsetzung dieses energiepolitisch wesentlichen Projektes in Flensburg zu groß sein sollte, ist auch eine Realisierung im Logistikzentrum Padborg/Dänemark denkbar - zusammen mit der süddänischen Universität und dem auf Kältetechnik spezialisierten Unternehmen Danfoss.

- 10.10. 2012, Flensburg


Ulrich Jochimsen -

Vorstand Dezentrale EnergieNutzung e.V. Potsdam
Aufsichtratsmitglied der EnergieGenossenschaft Flensburg eG (i.G.)